{"id":47,"date":"2009-08-02T16:47:02","date_gmt":"2009-08-02T10:47:02","guid":{"rendered":"http:\/\/philhofstetter.ch\/?p=47"},"modified":"2009-09-25T03:53:20","modified_gmt":"2009-09-24T21:53:20","slug":"was-isch-ims-kosovo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/philhofstetter.ch\/?p=47","title":{"rendered":"Was isch ims Kosovo?"},"content":{"rendered":"<p>Am Freitag Abend um 22:00 Uhr steigen wir in Sarajevo in den Nachtbus nach Pristina, in die Hauptstadt der noch jungen Republik Kosovo. Die Fahrt soll rund zw\u00f6lf Stunden dauern und wir freuen uns gar nicht darauf; Erinnerungen an den letzten Sommer in den Anden werden wach &#8211; und wir einfach nicht m\u00fcde&#8230; Nach etwa zwei Stunden erreichen wir die bosnisch-serbische Grenze, und an beiden Grenzposten steht der Bus etwa eine halbe Stunde: der Chauffeur muss die P\u00e4sse aller Fahrg\u00e4ste einem Polizisten aush\u00e4ndigen, der damit im Wachh\u00e4uschen verschwindet und dann im f\u00fcnf-Minuten-Takt irgendwelche Leute zu sich rufen l\u00e4sst. Wir sind unsicher, bis uns ein anderer Fahrgast aufkl\u00e4rt: es geht ziemlich sicher um Schmiergelder, die von B\u00fcrgern der jeweils gerade unbeliebten Nationen einkassiert werden &#8211; wir seien mit den Schweizer P\u00e4ssen nicht gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2575\/3791949464_99333570b1.jpg\" alt=\"Ein Hochzeits-Konvoi kommt uns entgegen!\" height=\"500\" width=\"375\" \/><\/p>\n<p>Wir freuen uns, dass es nach den langen Wartezeiten endlich weitergeht, doch schon nach wenigen Kilometern ein neuer Stop: Pauza! Yvonne wird von einer jungen blonden Mitpassagierin in Z\u00fcri-D\u00fctsch angesprochen &#8211; sie war mit der Familie in die Schweiz gefl\u00fcchtet, hatte in Winterthur die Schule besucht und lebt jetzt wieder in Sarajevo und f\u00e4hrt zur Tante in den Kosovo und erz\u00e4hlt, dass sie keine Ausbildung hat und nun einen Mann sucht.<br \/>\nPhil versucht unterdessen zwei Albanern zu erkl\u00e4ren, wieso wir denn in dieser Region unterwegs sind und als der Bus wieder weiterf\u00e4hrt, erkl\u00e4rt uns ein serbischer Kampfsportler mit Zwiebel-Fahne die Psyche seines Volkes, bis er irgendwann schlagartig einschl\u00e4ft.<br \/>\nWir finden beide im stickigen, heissen, lauten und engen Bus keinen festen Schlaf, erwachen andauernd wieder. Gegen sechs Uhr morgens sind wir dann in Novi Pazar, nahe der serbisch-kosovarischen Grenze. Da Serbien die Autonomie Kosovos nicht akzeptiert, ist diese Grenze nicht offiziell und deshalb ist hier auch die Buslinie eigentlich zu Ende. W\u00e4hrend wir mit einem franz\u00f6sischen P\u00e4\u00e4rchen, welches ebenfalls auf &#8220;Tour de Balkan&#8221; ist, am Kiosk einen Kaffee trinken, wird der Bus jedoch bis zum letzten Platz mit neuen und zus\u00e4tzlichen Fahrg\u00e4sten gef\u00fcllt, welche in den Kosovo wollen &#8211; vorzugsweise schrullige alte Frauen mit Kopft\u00fcchern und ledriger Haut. Mit diesem v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllten Gef\u00e4hrt kommen wir dann problemlos und schnell \u00fcber die Grenze, welche auf serbischer Seite nur ein Milit\u00e4r-Checkpoint ist, auf kosovarischer Seite aber von UN-Soldaten (KFOR) und Kosovo-Police \u00fcberwacht wird.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2448\/3791118001_5946c8d120.jpg\" alt=\"Eigenwerbung der KFOR\" height=\"375\" width=\"500\" \/><\/p>\n<p>In den ersten Stunden in Pristina scheinen sich s\u00e4mtliche Klischees, die wir von zu Hause mitgebracht haben, zu best\u00e4tigen: die M\u00e4nner am heruntergekommenen Busbahnhof sehen genau so aus wie Mike M\u00fcller als &#8220;Mergim Muzzafer&#8221;, der Taxifahrer kn\u00f6pft uns das doppelte vom \u00fcblichen Preis ab, in der Stadt vor allem deutsche Wagen (Mercedes, BMW, Audi, Opel, Golf&#8230;), darunter etliche mit deutschen und schweizer Kennzeichen: man ist auf Heimaturlaub. Wir hatten gelesen, Pristina sehe aus wie &#8220;auseinandergerissen und unter Meinungsverschiedenheiten wieder zusammengesetzt&#8221;. Tats\u00e4chlich scheint ein grosses Durcheinander zu herrschen, gleichzeitig aber auch Aufbruchstimmung: \u00fcberall wird gebaut, viele H\u00e4user sind neu oder renoviert.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/philhofstetter\/3791114969\/in\/set-72157621905758878\/\" \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2667\/3791114969_2e24f84fa0.jpg\" height=\"500\" width=\"375\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2446\/3791939358_b78bff091b.jpg\" alt=\"Boxkampf!\" height=\"500\" width=\"375\" \/><\/p>\n<p>Wir finden die grosse Fussg\u00e4nger-Promenade, welche am Nachmittag noch ruhig und unscheinbar wirkt, am Abend aber aufbl\u00fcht und voller fr\u00f6hlicher, flanierender Menschen ist. \u00dcberhaupt machen die Leute auf uns einen sehr ruhigen und friedlichen Eindruck.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2590\/3791122859_52f2f3c279.jpg\" alt=\"Teenager in Pristina\" height=\"375\" width=\"500\" \/><\/p>\n<p>In den Restaurants werden wir sehr freundlich empfangen, der Kellner beantwortet z.B. geduldig unsere Frage nach dem Kosovarischen Pass und best\u00e4tigt unsere Vermutung, dass er nur in die Staaten reisen kann, welche den Kosovo anerkannt haben. Die Taxifahrer in der City sind ehrlich (!) und eigentlich jeder spricht mindestens eine Fremdsprache.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3449\/3791941796_844fb03b38.jpg\" alt=\"Geb\u00e4ude der OSZE in Pristina\" height=\"500\" width=\"375\" \/><\/p>\n<p>Einen grossen Teil des Sonntags verbringen wir in einer Pizzeria, schreiben am Blog und planen unsere Weiterreise. Dabei fahren andauernd hupende Autokolonnen vorbei, aus den dekorierten Autos werden Albanien- und Kosovo-Fahnen geschwenkt. Offenbar ist Heirats-Hochsaison; vielleicht hat dies eben auch mit der Heimkehr-Saison der Auswanderer zu tun? Nebst Hochzeits-Konvois sieht man im Kosovo vorallem EU- und UN- sowie viele Milit\u00e4r- und Polizei-Fahrzeuge aus aller Welt &#8211; innert wenigen Minuten  sehen wir Carabinieri, Gendarmerie sowie schwedisches und finnisches Milit\u00e4r. Und a propos Fahrzeuge: dass an vielen Last- und Lieferwagen noch deutschsprachige Werbeaufschriften zu sehen sind, \u00fcberrascht wohl niemanden, aber an etlichen Bussen guckt vorne oder an der Seite die vertraute gelbe Lackierung mit dem roten Streifen hervor: ausrangierte Postautos!<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3595\/3791131437_fed251b53b.jpg\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2466\/3791945550_983b803c9f.jpg\" alt=\"Unser Zimmer in Pristina - zum Gl\u00fcck richen Fotos nicht...\" height=\"375\" width=\"500\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2607\/3791133933_8b7dc6cdfb.jpg\" alt=\"Carabinieri\" height=\"375\" width=\"500\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Freitag Abend um 22:00 Uhr steigen wir in Sarajevo in den Nachtbus nach Pristina, in die Hauptstadt der noch jungen Republik Kosovo. 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